Was bringt jetzt die 2. Boosterimpfung?

Prof. Dr. Sandra Ciesek ist Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt

Eine Studie des Pandemie Netzwerk Hessen hat das untersucht. Die Antwort ist auch relevant für unseren Kontakt mit gefährdeten Menschen.

Maske tragen, wann immer man Kontakt mit Menschen hat, die durch Corona besonders gefährdet sind! Das ist in der gegenwärtigen Pandemie-Situation für junge, gesunde Menschen wichtiger als eine 4. Impfung (gleichbedeutend mit der 2. Auffrischungsimpfung). Das ist ein zentrales Ergebnis einer aktuellen Studie des Pandemie Netzwerks Hessen. Die Arbeit1 des Teams um Professorin Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt, wurde kürzlich als Preprint veröffentlicht und ist gerade in der Begutachtung durch andere Wissenschaftler:innen. Sie liefert Anhaltspunkte, für wen jetzt, mitten in der Omikron-Welle, eine zweite Auffrischungsimpfung sinnvoll ist.

Studie zur 2. Boosterimpfung gegen Corona für jüngere, gesunde Menschen

„Diese Forschungsfrage ist auch aus dem Alltag heraus entstanden“, berichtet Sandra Ciesek. „Alle Menschen, die in einer Klinik arbeiten oder in der Pflege tätig sind, stehen ja vor der Entscheidung, sich zum vierten Mal gegen Corona impfen zu lassen. Dabei geht es um den eigenen Schutz vor einer Infektion und um den Schutz der gefährdeten Personengruppen, mit denen Ärzt:innen und Pflegende täglich umgehen.“ Die Untersuchung bringt außerdem wissenschaftliche Hinweise für die öffentliche Diskussion darum, ob ein zweiter Booster vielleicht aktuell für alle Erwachsenen in Deutschland ratsam wäre.

Für die Studie haben die Frankfurter Forschenden die Veränderung relevanter Antikörper-Level im Blut nach einer 4. Corona-Impfung untersucht. Teilgenommen haben 26 Beschäftigte im Gesundheitswesen, die einen 2. Booster ungefähr 4,5 Monate nach der dem ersten erhalten haben. Die Teilnehmenden waren im Durchschnitt knapp 50 Jahre alt. Die Studie bezog sich darum nicht auf ältere Menschen oder Immungeschwächte – also nicht auf Personengruppen, die immer noch besonders gefährdet sind, an Corona zu erkranken, selbst wenn sie bereits geimpft und geboostert sind.

„Wahrscheinlich kaum zusätzlicher Schutz vor Ansteckung mit Omikron“

Das wesentliche Ergebnis: „Für jüngere Menschen, die außerdem gesund sind, erhöht ein zweiter Booster den Schutz vor einer Ansteckung mit der aktuell grassierenden Omikron-Variante wahrscheinlich nur unwesentlich“, fasst Ciesek zusammen. „Vor allem, wenn die erste Boosterimpfung erst wenige Monate zurückliegt.“ Denn: Nach der 4. Impfung – erfolgt etwa 4,5 Monate nach der 3. – stieg die Menge der neutralisierenden Antikörper gegen die Omikron-Variante im Blut nicht in relevantem Maße an. Die untersuchten Personen hatten also nicht mehr von diesen Antikörpern, die sie in der aktuellen Welle schützen könnten, als nach der 3. Impfung.

Die Menge der neutralisierenden Antikörper im Blut ist ein wichtiges Maß, um den Schutz vor einer Ansteckung zu beurteilen. Als neutralisierend bezeichnen Forschende jenen Typ von IgG-Antikörpern, der sich an das Spike-Protein auf der Oberfläche des Coronavirus heftet, so dass das Virus dann nicht mehr in die Körperzellen eindringen kann. Je weniger Coronaviren es aus dem Blut heraus in die Zellen schaffen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Infektion.

Ein weiteres Ergebnis: Die T-Zell-Aktivierung war zum Zeitpunkt der 4. Impfung noch sehr gut. T-Zellen sind die Dirigenten des Immunsystems. Sie kreisen im Blut. Treffen sie dort auf ein Antigen, das ihnen bekannt vorkommt – wie den Impfstoff gegen Corona – stoßen sie eine gezielte Immunabwehr an. Diese Reaktion dauert ein bisschen. Darum lässt sich durch die T-Zell-Aktivierung zwar eine Infektion oft nicht mehr verhindern, wohl aber ein schwerer Verlauf.

Dreifach geimpft? Noch scheint der Schutz vor schweren Verläufen für jüngere Gesunde gut

„Für den Schutz vor einer schweren Corona-Erkrankung benötigen jüngere, gesunde Menschen momentan offenbar keinen zweiten Booster wenige Monate nach der 3. Impfung“, folgert Ciesek.

Insgesamt bestätigt die Frankfurter Studie im Zuge des Pandemie Netzwerks Hessen Erkenntnisse, die kürzlich auch Untersuchungen in Israel erbrachten, wo bereits viele, auch jüngere Menschen eine vierte Impfung erhalten haben.

Maske tragen: Um gefährdete Menschen vor Corona zu schützen

Wenn eine 4. Impfdosis kurz nach der dritten für viele Menschen nichts dazu beiträgt, sich gegen Omikron besser abzusichern – wenn man also mit und ohne diesen zweiten Booster stets Gefahr läuft, bereits damit infiziert zu sein und womöglich andere anzustecken: Was ist dann die beste Schutzmaßnahme? „Maske tragen“, betont Ciesek. „Das ist für dreifach Geimpfte wichtig, um die vulnerablen Menschen, also ältere und immungeschwächte, vor einer Ansteckung zu schützen.“

Für die gefährdeten Menschen selbst könnte eine zweite Boosterimpfung recht bald nach der ersten durchaus Sinn machen. „Ab einem Alter etwa ab 70 Jahren“, berichtet Ciesek, „sinkt die Menge der Antikörper im Blut schneller ab als bei Jüngeren. Eine erneute Impfung hebt sie dann wieder auf das Level der letzten Immunisierung.“ Außerdem weisen die verfügbaren Studien zur Immunantwort auf Corona in eine Richtung: Insbesondere Menschen mit einem geschwächten Immunsystem benötigen durchschnittlich mehr Impfdosen, um überhaupt ein erstes Mal einen ausreichenden Antikörperschutzwall zu bilden. Zu den Arbeiten2, die darauf hinweisen zählt auch eine Studie der Gruppe um Ciesek.

4. Corona-Impfung jetzt: Für Gefährdete kann das sinnvoll sein

Die Bewertung lautet also: Eine 4. Impfung jetzt für gefährdete Personen und gesunde Jüngere können noch abwarten. Wie viele Analysen in der Corona-Pandemie entspricht das einer Moment-Aufnahme. Sobald sich ein relevanter Faktor ändert, kann eine neue Beurteilung nötig werden. „Wir können aktuell gar nicht wissen, ob die gesunden und jungen Menschen womöglich in einigen Monaten doch eine 4. Impfung benötigen, weil ihre Antikörper-Spiegel dann tief abfallen“, klärt Ciesek. Momentan lautet ihr Fazit: abwarten.

Dahinter steckt auch die Annahme, dass es in absehbarer Zeit womöglich weitere, an die Omikron-Varianten BA.1 und BA.2 besser angepasste Impfstoffe geben wird. Sie könnten womöglich dann doch auch Jüngere vor einer Ansteckung schützen. Noch erstrebenswerter wären wohl Universal-Impfstoffe gegen Corona. So ein Impfstoff enthielte Antigene mehrerer Corona-Varianten, die sich biologisch deutlich unterscheiden.

Warten auf Impfstoffe, die Ansteckungsschutz wieder erhöhen

Die Hoffnung: Das Immunsystem bildet dann auch gegen all diese Varianten Antikörper, so dass es keinen Unterschied mehr macht, ob man gerade mit Alpha, Delta oder Omikron Kontakt hat. Im Idealfall ist die Körperabwehr dann sogar gegen zukünftige Varianten gerüstet. Derzeit ist die Omikron-Variante das erste Coronavirus, das stark vom Ursprungsvirus abweicht. Alpha und Delta ähnelten diesem.

Die derzeit zugelassenen Impfstoffe richten sich alle gegen die ursprünglicheren, ähnlichen Viren, weshalb sie gegen das neuere Omikron nicht ideal wirken. Das Konzept, mehrere Virus-Varianten mit einem Auffrischimpfstoff abzudecken, existiert bereits bei der Grippe. Bei Corona wird daran gearbeitet. Womöglich reicht es, wenn jüngere und gesunde Menschen erst später mit so einem neuen Booster ihre Immunisierung auffrischen.

Hier zitierte Forschungsarbeiten:

1) Katharina Grikscheit, Holger Rabenau, Zahra Ghodatrian et al. Characterization of antibody and T-cell response after second booster vaccination, 30 March 2022, PREPRINT (Version 1) available at Research Square

2) Characterization of the humoral immune response to BNT162b2 in elderly residents of long-term care facilities five to seven months after vaccination. Marla Delbrück, Sebastian Hoehl, Tuna Toptan, Barbara Schenk, Katharina Grikscheit, Melinda Metzler, Eva Herrmann, Sandra Ciesek medRxiv 2021.11.09.21266110

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